Vorfahrt für Fußgänger – in welchen Fällen Autofahrer warten müssen

Beim Abbiegen haben Autofahrer Fußgängern regelmäßig den Vortritt zu lassen. Geregelt ist das in der Straßenverkehrsordnung.

„Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen; wenn nötig, ist zu warten“

§ 9 Absatz 3 Satz 3 StVO

Diese Regelung erscheint auf den ersten Blick klar. Allerdings sagt sie nichts darüber aus, wann das Warten „nötig“ ist. Das zu entscheiden ist letztlich Aufgabe der Gerichte. Hier ein Überblick über die wichtigsten Fälle.

Abbieger muss warten

Der rote Pfeil kennzeichnet den Wartepflichtigen.

Biegt ein Auto auf einer Kreuzung ab, muss das Auto warten, bis die in Längsrichtung gehenden Fußgänger die Fahrbahn überschritten haben. Das gilt sowohl für Fußgänger, die in derselben Richtung unterwegs sind als auch für entgegenkommende Fußgänger.

Rechts vor links für Fußgänger?

Die für Autos geltende Regel, dass das von rechts kommende Auto Vorrang genießt, gilt für Fußgänger nicht gleichermaßen. Vielmehr greift hier die allgemeine Rücksichtnahmepflicht. Geradeaus fahrende Autos sind gegenüber von rechts kommenden Fußgängern nicht wartepflichtig.

Fußgänger im Kreisverkehr bei ausfahrendem Auto

Ein im Kreisel fahrendes Auto, das den Kreisverkehr verlassen möchte, ist gegenüber Fußgängern, die den Kreisverkehr auf den umgebenden Gehwegen benutzen, wartepflichtig. Im Kreisel haben daher Fußgänger gegenüber ausfahrenden Autos Vorrang.

Fußgänger im Kreisverkehr bei einfahrendem Auto

Fährt ein Auto in den Kreisverkehr ein, so haben Fußgänger, welche die umgebenden Gehwege benutzen, keinen Vorrang. Hier gilt dasselbe wie bei der rechts-vor-links-Regel, auf die sich Fußgänger nicht verlassen können. Auch hier bleibt es bei der allgemeinen Rücksichtnahmepflicht.

Fußgänger überquert Straße

Überquert ein Fußgänger außerhalb einer Kreuzung eine Straße, so ist das auf der Straße fahrende Auto nicht wartepflichtig. Hier muss der Fußgänger warten.

Fußgänger und abbiegende Hauptstraße

Wenn ein Auto eine abbiegende Hauptstraße verlässt und geradeaus auf eine Nebenstraße fährt, so ist das Auto gegenüber einem Fußgänger, welcher der Hauptstraße folgend auf dem Gehweg die Nebenstraße überqueren möchte, nicht wartepflichtig. Hier ist der Fußgänger wartepflichtig, es verbleibt bei der allgemeinen Rücksichtnahmepflicht.

Fußgänger überquert abseits einer Kreuzung die Straße

Für Fußgänger, die abseits einer Kreuzung die Straße überqueren wollen, gilt dasselbe wie beim Überqueren einer Straße. Hier sind die Fußgänger wartepflichtig und Autos haben Vorrang.

Abbieger und Fußgänger abseits der Kreuzung

Abbiegende Autos sind nicht wartepflichtig, wenn Fußgänger die Straße fernab einer Kreuzung überqueren. Dann gilt nämlich dasselbe wie beim herkömmlichem Überqueren einer Straße, bei dem Fußgänger warten müssen. Wie weit Fußgänger von der Kreuzung entfernt sein müssen, damit ein Zusammenhang mit der Kreuzung nicht mehr besteht, kann nicht im Metern angegeben werden. Entscheidend sind die konkreten Umstände des Einzelfalls. Dabei spielen die Breite der Straßen, deren Verlauf und Übersichtlichkeit eine Rolle. Als Fausformel gilt: Je weiter der Fußgänger von der Kreuzung entfernt ist, umso eher ist anzunehmen, dass ein Zusammenhang mit der Kreuzung nicht mehr gegeben ist.

Auto überquert Kreuzung

Wenn das Auto eine Kreuzung geradeaus fahrend überquert, muss der die Kreuzung überquerende Fußgänger warten. Da die rechts-vor-links-Regel für Fußgänger nicht gilt, ist nicht von Bedeutung, in welche Richtung der Fußgänger die Kreuzung überquert. Anders wäre es, wenn das Auto links oder rechts abbiegt, denn Fußgänger haben vor Abbiegern Vorrang.

Fußgänger auf der Hauptstraße und querendes Auto

Wenn Fußgänger längs der Hauptstraße gehen, sind sie gegenüber Autos, welche die Hauptstraße überqueren, wartepflichtig. Weder aus dem Vorfahrtstraße- noch aus dem Vorfahrbeachten-Schild können Fußgänger einen Vorrang herleiten.

Auto biegt in Einbahnstraße ein

Überquert ein Fußgänger eine in eine Einbahnstraße einmündende Straße, so hat er gegenüber dem in die Einbahnstraße einbiegenden Auto Vorrang. Der Umstand, dass der Fußgänger entgegen der Fahrtrichtung der Einbahnstraße geht, steht seinem Vorrang nicht entgegen. Das Einbahnstraßenschild gilt nicht für Fußgänger. Darauf, dass der Fußgänger längs der Vorfahrtstraße geht, kommt es hier ebenso wenig an, wie auf das Vorfahrt-Beachten-Schild. Entscheidend ist das Abbiegen des Autos, was zur besonderen Rücksicht verpflichtet (§ 9 Absatz 3 Satz 3 StVO).

Mitverschulden des Fußgängers

In allen Fällen wird Fußgängern ein umsichtiges vorausschauendes Verhalten abverlangt. Wer sich – ohne zu gucken – auf die Wartepflicht des Autos verlässt, den trifft regelmäßig eine Mitschuld von 25%. Das Mitverschulden kann je nach Umständen des Einzelfalls auch höher ausfallen. So kann den Fußgänger sogar eine 100%-ige Schuld treffen, wenn er sich sein Vorrecht erzwingt.

17 Gedanken zu „Vorfahrt für Fußgänger – in welchen Fällen Autofahrer warten müssen“

  1. Vielen Dank für diese schönen Erklärungen! Wie ist die Vorfahrtsregelung im ersten Fall (Abbieger muss warten), wenn das Auto von rechts kommt (Einmündung) und die Längsstraße eine Vorfahrtsstraße ist? Gehört die Vorfahrt dem Fußgänger oder dem Autofahrer?
    Vielen Dank

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    • Danke! In dieser Konstellation hat der Autofahrer zu warten, da er abbiegt (OLG Hamm, Urt. v. 18.06.2004 – 9 U 38/04). Das gilt übrigens gleichermaßen für Links- und Rechtsabbieger.

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        • Das ist unzutreffend, denn es gibt keine Rechtsgrundlage für diese Differenzierung. Das Vorrecht der Fußgänger gegenüber abbiegenen Fahrzeugen ergibt sich aus § 9 Absatz 3 Satz 3 StVO. Dafür spielt es keine Rolle, in welche Richtung sich die Fußgänger bewegen. Das ist aber kein “Freibrief”. Wer als Fußgänger erkennen kann, dass das abbiegende Fahrzeug den Vorrang nicht gewährt, muss notfalls warten. Anderenfalls droht eine Kürzung des Schadensersatzes wegen Mitverschuldens (§ 254 BGB).

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          • Sollte § 9 III 3 StVO tatsächlich auch diesen Sachverhalt umfassen, dann lässt sich das allerdings nicht mit OLG Hamm 9 U 38/04 belegen. Wie sich aus den Urteilsgründen ergibt – zum Tatbestand wurde wie üblich nur auf die erstinstanzliche Entscheidung Bezug genommen – hatte der verletzte Fußgänger die Fahrbahn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung zur Fahrtrichtung des abbiegenden Fahrzeugs betreten.
            (vgl. www. verkehrslexikon.de/Urteile/Abbiegen10.php ) .

          • Das sehe ich anders: § 9 Absatz 3 Satz 3 StVO gilt für das Abbiegen von Fahrzeugen und “… räumt … generell dem Fußgänger eine vorrangähnliche Stellung ein”, so das OLG Hamm zu Az. 9 U 38/04.

  2. Und wenn das dann doch keine T-Kreuzung wäre, und das Auto von der Nebenstraße kommend geradeaus über die Hauptstraße fährt, dann müssten die Fußgänger doch wieder warten? Aber wenns dann doch abbiegt, muss es warten? Also müssen die Fußgänger sich auf blinken oder nichtblinken verlassen, weil sie je nachdem vor dem Auto auf die Straße springen können oder nicht? Das kreiert doch aber nur unsichere Situationen, auf den Blinker von anderen darf man sich ja auch generell nicht komplett verlassen, dazu gabs ja schon Entscheidungen zur Genüge. Und wenn die Fußgänger nicht direkt an der Kreuzung stehen sondern etwas davor, oder die nicht der Hauptstraße gefolgt waren sondern über Eck gehen, haben sie auch keinen Vorrang wenn man dahinter abbiegen würde?

    Diese Situation(en), die ständig stattfindet (man kommt von einer Nebenstraße und bereits vor der Kreuzung wollen welche kreuzen, entweder von parallel kommend oder von der Hauptstraße), wird seltsamerweise nie bei all den Beispielen auf diversen Websites erwähnt. Dabei ist die doch mit die wichtigste.

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    • Wenn es sich nicht um eine T-Kreuzung, sondern eine X-Kreuzung handelt und das Auto geradeaus fährt, haben die kreuzenden Fußgänger zu warten. Das Hauptstraßenschild können Fußgänger nicht für sich beanspruchen, da dieses Fußgängern keinen Vorrgang gewährt. Abbiegenden Autos gebührt, wie dargestellt, kein Vorrang. Als Fußgänger sollte man sich – wie Sie zutreffend schreiben – nicht auf das Blinken oder Nichtblinken verlassen und schon gar nicht auf die Rücksichtnahme von Autofahrern vertrauen. Für Fußgänger, die abseits einer Kreuzung die Straße queren, gilt dasselbe wie bei der Überquerung einer Straße: hier haben Fußgänger keinen Vorrang. Ob das Abbiegen eines Autos in einem solchen Fall relevant ist, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab. Da kommt es auf die Straßenverläufe ebenso an wie auf den Abstand zur Kreuzung. Vor Gericht können Sie damit durchaus Überraschungen erleben.

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  3. Ein Mitverschulden ist meiner Meinung nach nie einem Fußgänger anzuheften, da ein Fußgänger die Verkehrsregeln nicht wissen muss (er hat keinen Führerschein, also wann soll er bitte mit den Regeln des Straßenverkehrs in Berührung kommen)! Er muss sich ausschließlich an Signale der Ampeln halten.

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    • Dass Fußgänger nur Ampeln zu beachten haben, stimmt nicht. Ein Mitverschulden nach § 254 BGB kann auch Fußgängern anzulasten sein. Die Frage, ob Fußgänger einen Unfall schuldhaft verursacht haben, bemisst sich danach, ob sie die verkehrsübliche Sorgfalt missachtet haben (§ 276 II BGB – Verkehr meint hier nicht Straßenverkehr!). Das geht auch ohne Kenntnis von Verkehrsregeln. Zur verkehrsüblichen Sorgfalt gehört z.B., dass Fußgänger vor dem Überqueren der Straße links und rechts schauen oder dass sie nicht mitten über eine unübersichtliche viel befahrene Kreuzung gehen. Ob ein Sorgfalsverstoß vorliegt, bemisst sich weniger nach Verkehrsregeln, sondern danach, was einem durchschnittlich umsichtigen Fußgänger in der konkreten Situation abzuverlangen ist.

      Zum Mitverschulden des Fußgängers siehe: https://rechtstipp24.de/2019/06/12/haftung-bei-unfall-mit-fussgaenger/

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  4. Tolle Übersicht, danke!

    Ich habe jedoch noch eine ungeklärte Frage, sie ergibt sich aus den zwei Szenarien “Fußgänger auf der Hauptstraße und querendes Auto” und “Auto überquert Kreuzung”.

    In meinem Fall ist die Verkehrslage wie folgt:

    Wie bei “Fußgänger auf der Hauptstraße und querendes Auto” kommt das Auto vom Fussgänger aus gesehen von links. Der Unterschied ist jedoch das es sich hier um eine T-Kreuzung handelt mit einer Einbahnstraßenregelung, somit muss der:die Autofahrer:in nach rechts abbiegen.

    Der Fussgänger befindet sich auf der Hauptstraße (Einbahnstraße) in gegengesetzter Richtung und möchte die einmündende Straße queren. Da der:die Autofahrer:in ein “Vorfahrbeachten-Schild” zu beachten hat und rechts abbiegen muss, hat jetzt der:die Fussgänger:in Vorrang?

    Ich freue mich auf eine Antwort, vielen Dank 🙂

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  5. Zutreffend, der Fußgänger hätte Vorrang – allerdings nicht wegen der Einbahnstraße und auch nicht weil das abbiegende Auto ein Vorfahrtbeachtenschild passiert, sondern deshalb, weil das Auto abbiegt.

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  6. “Auto biegt in Einbahnstraße ein” und “Das OLG Hamm (Urteil vom 06.08.2012 – I-6 U 14/12)”
    das ist nicht die situation!!!
    “Am 23.03.2009 befand sich die Klägerin gegen 16.41 Uhr auf dem südlichen Gehweg der X2 in X, als die Beklagte zu 1) mit ihrem PKW auf der D2 auf die X2 zufuhr. Bei der D2 handelte es sich um eine Einbahnstraße, die in die X2 einmündete. Zu der Zeit regnete es, die Straße war nass. An der Einmündung D-Straße beabsichtigte die Beklagte zu 1), nach links in die X2 abzubiegen. Die Klägerin hingegen wollte die X2 an dieser nicht durch Verkehrszeichen geregelten Einmündung in Süd-Nord-Richtung überqueren. Als die Klägerin auf die Straße getreten war, kam es zur Kollision mit dem Beklagtenfahrzeug.”
    Das Auto fährt in eine Einbahnstraße.
    Er hat recht!!!
    https://www.frag-den-fahrlehrer.de/2016/01/27/muss-ich-den-fu%C3%9Fg%C3%A4nger-durchlassen-oder-nicht/
    “Es ist völlig egal, ob die Straße weiter geht oder endet. Bei dieser T-Kreuzung ist es die gleiche Reihenfolge wie oben bei der Kreuzung mit vier Straßen!
    Erst Fußgänger 1 und 2, dann der PKW, dann Fußgänger 3 und 4!”

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    • Hallo MeYa, in der Situation kommt es u.a. darauf an, wie weit von der Kreuzung entfernt der Fußgänger die Straße quert. Je weiter weg, umso eher kann man ein Abbiegen des Auto verneinen. Wartepflichtig wird das Auto erst beim Abbiegen. Die Diskussion darüber, ob der Fußgänger aufgrund der Gestaltung der Kreuzung an der Vorfahrt „teilhat“, führt in die Irre, denn das Hauptstraßenschild gilt nicht für Fußgänger. Messen bringt kein verlässliches Ergebnis für die Ermittlung des Vorrangs. Vielmehr ist das eine Einzelfallfrage, die u.a. von Sicht, Wetter, Tag/Nacht, inner-/außerorts, ggfls. Bewuchs mit Büschen und davon abhängt, ob das Auto den Abbiegevorgang bereits eingeleitet hat, z. B. durch Blinken. Allein der Abstand zur Kreuzung ist nur ein Umstand von vielen und nicht mehr als ein Indiz (aber auch nicht weniger). Mit den genannten Vorbehalten: Die Skizze legt nahe, dass dort der Fußgänger Vorrang hat, denn an der Stelle, an der das abbiegende Auto den Weg des Fußgängers kreuzt, sprechen mehrere Gesichtspunkte für ein bereits begonnenes Abbiegen (bei objektiver Betrachtung):
      – Reduzierung der Geschwindigkeit
      – Setzen des Blinkers
      – abbiegebedingtes Einordnen
      – Ausschauhalten nach vorfahrtsberechtigten Verkehrsteilnehmern.

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